So sehr Wien auf moderne Architektur und Lifestyle gemäß einer internationalen Metropole setzt, so sehr bleibt es dennoch seinen alten Traditionen treu. Vielleicht auch unbewußt. Dies zeigen die jüngsten Neueröffnungen der Stadt. So öffnete wieder eines der beliebtesten Wiener Kaffeehäuser nach umfassender Generalsanierung zwar modernisiert, aber mit ehemaligem Charme, entstand in Anlehnung an die früheren Wiener Salons ein neues Couture Atelier in den historischen Räumlichkeiten einer Wiener Altbauwohnung oder lädt die ebenfalls komplett sanierte Villa Beer nun auch externe Gäste zu Entdeckungstouren auf den Spuren von Josef Frank ein. Einem Namen, dem man auch in der frisch kuratierten Schausammlung um 1900 des MAK wiederbegegnet.
NEU: „House of Katz“ Private Atelier, 1040 Wien
Mit dem nagelneuen „House of Katz“ – einem extravaganten und glamourösen privaten Atelier – hat die aus Berlin stammende Modedesignerin Laura Sänger Teile ihrer Wiener Altbauwohnung jüngst in einen Showroom verwandelt! Schon als ich zufällig in der letzten Ausgabe des AD-Magazins auf ihre Geschichte gestoßen bin, war mir klar, ich möchte Laura und ihr Konzept persönlich kennenlernen. Denn die Idee hierzu ist inspiriert von den ehemaligen traditionellen Wiener Couture Salons und befindet sich gleich ums Eck des Belvedere Museums. Also ganz in meiner Nähe. Der Vorbesitzer dieser Wohnung – angeblich war er sogar mit Karl Lagerfeld befreundet – hat im Interior Design so manches vorgegeben: so wurden die schwarzen Lacktüren sowie die Marmorböden geschickt mit Zebra-Samt und kostbarer Seide ergänzt, die Wände in kräftigen Farben gestrichen oder bühnenreif um Vorhänge ergänzt. Unterstützt wurde Laura hierbei vom französischen Interior Designer und Architekten Thierry Morali.
Die besonderen Eyecatcher des eigentlichen Ateliers, dort wo frau die exquisite Couture Kollektion „La Katz“ entdecken und anprobieren kann, sind neben den gelben Moiré Tapeten ein maßgefertigter Couture Tisch mit passendem gelben Vorhang respektive ein atemberaubender „Metropolitan“ Kronleuchter. Ergänzt um viele Vintage Möbelstücke, was wahrscheinlich den Charme dieser sehr wohnlich gestalteten Salons ausmacht. Ein wunderschöner, sehr intimer Rahmen, um – begleitet von Laura’s Expertise – Couture Mode sowie seltenes Handwerk zu bestaunen. So kreierte die Designerin neben ihrer Mode auch eine besondere Champagnerschale mit Augarten Porzellan und arbeitet derzeit an Gläserentwürfen mit dem Glas- und Lusterspezialisten J. & L. Lobmeyr. Für alle Mode- und Designinteressierten steht das Atelier jeden Freitag von 13.00 bis 18.00 Uhr offen, oder man/frau vereinbart einen ganz individuellen Besuchstermin unter der Woche.
House of Katz Showroom & Atelier, Goldeggasse 2, 1040 Wien
NEU: Villa Beer, 1130 Wien
Lange erwartet und für mich derzeit mit Abstand Wiens interessanteste Sehenswürdigkeit im Bereich moderner Architektur ist die frisch renovierte Villa Beer. Auch wenn es im Moment äußerst schwierig ist, ein Ticket für eine Besichtigung zu bekommen, es lohnt sich zu warten! Speziell eine geführte Tour ist wie eine Reise durch die Geschichte des Hauses, den unverwechselbaren Architekturstil von Josef Frank und Oskar Wlach, sowie die traurige Familiengeschichte ihrer ersten BewohnerInnen. 1929/30 für die Familie Beer entworfen und gebaut, gilt die Villa heute als Schlüsselwerk der österreichischen Moderne. Im totalen Gegensatz zum Historismus, dem imperialen Baustil, wie etwa jenem der Wiener Ringstraße. Frank zeigt damit eine für damals neue Art des naturnahen Wohnens auf: umgeben von einem großzügigen Garten und ausgestattet mit zahlreichen Außenflächen in Form von Terrassen und Balkonen, welche erst durch die Tatsache eines Flachdaches möglich wurden. Schon die zwei Haupteingänge, einer für die Familie, einer für die Dienstboten, sind Sinnbild dafür, wie Frank dachte und alle BewohnerInnen des Hauses gleich zu behandeln versuchte. Auch hier wurden die Räumlichkeiten dank einer eigenen Stiftung generalsaniert und versucht, ein Maximum in den Originalzustand zurückzuversetzen.
Villa Beer, Wenzgasse 12, 1130 Wien
NEU: Café Bräunerhof, 1010 Wien
Mit dem frisch renovierten und wiedereröffneten Café ist eine wahre Wiener Institution zurück! Denn dank Peter Friese vom Schwarzen Kameel sowie der Familie Plachutta erstrahlt das traditionelle Wiener Kaffeehaus nun in neuem Glanz, ohne seinen alten Charme zu verlieren. Die Technik ist nun etwas moderner, die Sitzbänke mit neuem Backhausen-Stoff, aber mit demselben Muster besser gepolstert, die legendären Garderobenständer immer noch dreifarbig und gut mit aktuellen Tageszeitungen bestückt, die berühmte Plakatwand mit jüngeren Plakaten ausgestattet und die Telefonzelle mit Münztelefon immer noch am alten Platz.
Wer zeitig am Morgen zum ersten Kaffee (übrigens jetzt auch als Caffè Latte erhältlich) oder zum Frühstück kommt, begegnet mit etwas Glück Peter Friese persönlich, welcher frische Brötchen direkt vom Kameel vorbeibringt und das Bestücken der Vitrine sorgsam beaufsichtigt. Das Publikum ist aktuell selbst schon eine Institution, nimmt wie selbstverständlich in digitalen Zeiten eine Tageszeitung im Holzrahmen zur Hand und bestellt beim Ober im weißen Jacket seinen Lieblingskaffee. Noch wird viel Wienerisch gesprochen und es fühlt sich richtig heimelig an, aber das wird leider nicht mehr lange so bleiben. Bis dahin unbedingt auch den wirklich netten Gastgarten sowie die Mittagskarte (mein Tipp: Eiernockerl!) genießen oder am Nachmittag auf Kaffee und Kuchen vorbeischauen. Die Auswahl auf der Karte ist in jeder Hinsicht reichlich. Gezahlt werden kann nun auch mit Karte, es gibt WLAN und das früher streng verbotene Handy ist jetzt ebenso erlaubt.
Café Bräunerhof, Stallburggasse 2, 1010 Wien
NEU: Belle & George, 1090 Wien
Mit einem interessanten Konzept besticht die vor kurzem eröffnete „Maison de Design“ von Isabelle und George ganz in der Nähe des Wiener Servitenviertels und läßt die französische „Art de Vivre“ mit eigener Boutique, kleinem Café, großzügigem Multi-Marken Showroom sowie Interior Design Service hochleben. Der Name setzt sich zusammen aus den beiden Vornamen seiner Gründer und vermittelt eine sehr persönliche, familiengeführte „Maison“ mit starkem Fokus auf nachhaltigem Design „made in Europe“ und einer ersten selbst entworfenen Kollektion an Tischen aus Naturmaterialien wie Holz und Stein. Schon beim Betreten spürt man die angenehme Atmosphäre eines typischen Hauses: links der gedeckte Tisch, rechts das Wohnzimmer, oben die Galerie mit Bad und Outdoor Area. Dazwischen: fein kuratierte Lampen, die Stimmung machen, Tische, die Geschichten von regionalem Handwerk erzählen sowie der Duft von frisch aufgebackenen Croissants aus der kleinen Café-Ecke in Kooperation mit dem beliebten Wiener Parémi, dessen Gründer wiederum Isabelles Bruder ist.
Hinter diesem Konzept stecken zwei Menschen mit französischen Wurzeln und einer gemeinsamen Leidenschaft für die schönen Dinge im Leben. Dieses französische Flair spürt man nicht nur im Café mit kleinem Schanigarten, sondern auch im lichtdurchfluteten Jugendstil-Loft mit modernem Glasdach, unter welchem ihr von Isabelle und George fein kuratierte europäische Marken mit Lust auf Farbe in Kombination mit zeitgenössischen Künstlern findet. Die Inspirationen zum Markenportfolio kommen von zahlreichen Reisen, Isabelles früheren Recherchen als Interior Designerin sowie Messebesuchen in Städten wie Paris oder Kopenhagen.
Belle & George Maison de Design, Porzellangasse 9, 1090 Wien
NEU: MAK Schausammlung 1900 – Reloaded, 1010 Wien
Eine wirklich sehenswerte Neuinszenierung unter der künstlerischen Konzeption von Markus Schinwald ist dem MAK zur Neueröffnung seiner Dauerausstellung „Wien 1900. Alltag. Gesamtkunstwerk“ gelungen, welche dieses Jahr eröffnet wurde. Mit einzigartigen Werken, Möbeln und Gebrauchsgegenständen der Wiener Moderne sowie der Wiener Werkstätte sind wahrlich beeindruckende Settings und Einblicke entstanden. Darunter auch ins Atelier der Schwestern Flöge. Neben der sogenannten „Lusterinsel“ mit einigen Klassikern des Wiener Traditionsunternehmen J. & L. Lobmeyr respektive der Postkartenwand mit zahlreichen Motiven aus Wien sind besonders die Werke von Gustav Klimt, Josef Hoffmann, Koloman Moser oder Dagobert Peche sehenswert. Man denke nur an die Werksskizze zum Mosaikfries fürs Palais Stoclet! Mein persönlicher Tipp: unbedingt eine Führung buchen!
MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
