Eine Woche voller Inspirationen, Design und Kreativität! So präsentierte sich für mich Mailand während dem Salone del Mobile der designaffinen Community aus aller Welt. Wobei bei vielen Designern und Herstellern das Thema Nachhaltigkeit dominierte. Auch wenn gewisse Marken wie Louis Vuitton, welche dieses Jahr bei der Biennale in Venedig vertreten ist, fehlten, gab es etliche Newcomer: so bespielte Moncler mit einer Fotoausstellung die Stazione Centrale und das spanische Taschenlabel LOEWE zeigte erstmals seine Lampenkollektion. Auch öffnete Giorgio Armani erneut seinen Palazzo Orsini und präsentierte seine Armani Casa Kollektion zusammen mit Haute Couture. Nicht unbedingt unterwegs nach den jüngsten Trends, sondern nach beeindruckenden Installationen von Interior und Fashion Labels, beeindruckte mich unter allen Marken, Pop-up Events und Designpräsentationen besonders eine in Kooperation mit Adolf Loos ab 1905 erbaute Villa, welche von Artemest und 6 verschiedenen Designstudios Raum für Raum gestaltet wurde. Sowie die aktuelle Dolce & Gabbana Modeausstellung im Palazzo Reale. Der Inbegriff an italienischer Handwerkskunst!
V-ZUG Studio
Nachdem ich euch vor einiger Zeit das Wiener V-ZUG Studio der Schweizer Premiummarke für hochwertige Küchen- und Haushaltsgeräte vorgestellt habe, eröffnete anläßlich der Mailänder Design Week nun das allererste Studio in Italien. Mitten im Herzen des Design Districts Brera. Während unweit davon in der Pinacoteca die von Elisa Ossino konzipierte Installation „Time and Matter“ gezeigt wurde, welche sich mit der Dualität zwischen humanistischem Design und archaischen Materialien sowie der ständigen technischen Weiterentwicklung der Küche beschäftigte, griff sie auch im V-ZUG Studio dieses Thema auf. Die dadurch geschaffene Symbiose wurde von Ossino zusätzlich mit speziell für diesen Raum entworfenen Möbelstücken unterstrichen. Die beeindruckende, minimalistische Architektur der Studioeinrichtung spiegelt gekonnt die Werte der Marke (traditionelles Handwerk, Regionalität, Nachhaltigkeit) wider und wirkt modern wie zeitlos zugleich. Auch von der Farbpalette her sehr schlicht und dennoch extrem anmutend.
L’Appartamento by Artemest
Eines meiner absoluten Highlights, da eine stilvolle Symbiose aus österreichischer Bau- und italienischer Handwerkskunst, war die von Artemest und 6 verschiedenen Designbüros bespielte Residenza Vignale in Mailands pulsierendem Viertel 5Vie: eine ab 1905 in Zusammenarbeit mit Adolf Loos entstandene Villa, welche von einem österreichischen Prinzen in Auftrag gegeben wurde, der sich in ein junges Mailänder Mädchen verliebt hatte. Der romantische Charme der Villa wurde zur Inspiration für die Interior Designer, welche allesamt die Räumlichkeiten in kleine Meisterwerke verwandelten. Darunter auch den wunderschönen Garten mit großzügigen Lounges, Sitzgruppen und Essbereich! So trafen Wandvertäfelungen und alte Stilelemente aus Wien’s Fin de Siècle Stimmung auf prachtvolle Luster aus Muranoglas und zeitgenössische, trendige Interior Design Icons.
Fendi Casa
Ihrer Markenphilosophie „Luxury redefined“ entsprechend war die neue FENDI Casa Kollektion abermals ein wahrer Hingucker, was die Verarbeitung von hochwertigem Leder, Stoffen und Materialien betraf. Ganz anders als im Vorjahr als kräftige Farben überwogen, präsentierten sich die Designs für 2024 im Flagship Store eher Ton-in-Ton, reduziert und extrem edel. Lanciert wurden zudem neue Polstermöbelelemente geformt aus dem Doppel-F des Logos, welche ineinander gesteckt und modular zusammengesetzt werden können. So ergeben die beiden Fs dreidimensionale Elemente eines modularen Sofasystems inklusive einem Pouf. Alle Polsterelemente greifen perfekt ineinander und lassen sich nach Belieben kombinieren, um sich jeder Raumsituation anzupassen. An Luxus kaum zu übertreffen war ebenso das kostbare Porzellan und das damit sehr stillvoll gezeigte Table Setting.
MOOOI
Eine sehr inspirierende Designinstallation war abermals der Showroom der von Marcel Wanders vor 20 Jahren gegründeten Marke MOOOI, wobei das zusätzliche „O“ im Namen etwas Besonderes in Bezug auf Schönheit und Einzigartigkeit vermitteln soll. Neben den absolut traumhaften, sehr haptischen Tapeten setzte ich einen Fokus auf die Austellung „A Life Extraordinary“ zu den Polstermöbeln der aktuellen Kollektion. Ich hatte mich letztes Jahr bereits in den neuen Knitty Lounge Chair förmlich verliebt. Dieses Mal konnten wir als Besucher eine Welt erleben, in der Licht, Düfte und Materialoberflächen unsere Sinne reizen und wecken sollten – eine multisensorische Reise, untermalen von Sehen, Geruch, Klang und Gefühl.
„Unser Showroom verkörpert die Essenz eines Living Room, ein dynamisches Konzept, welches die traditionellen Grenzen des Designs überschreitet. Bei MOOOI beeinflussen wir die Sinne, um ein Erlebnis zu schaffen, das Räume mit Vitalität und Poesie erfüllt. So verwandeln wir jeden Raum in ein lebendiges, von Leben erfülltes Kunstwerk.“ (Marcel Wanders)
Paola Lenti
Anlässlich des 30jährigen Markenjubiläums präsentierte der italienische Outdoor Spezialist Paola Lenti neben seiner aktuellen Kollektion für Garten und Terrasse am neuen Standort in Mailand eine Weiterentwicklung seines Baus an Àlfa. Ein Inbegriff an Haus, welches in die Natur und im Dialog mit ihr eingebettet ein mögliches Wohnmodell vorschlägt, das die Umwelt und das Wohlbefinden der Menschen so respektvoll wie möglich berücksichtigen soll. Diese Wohnvision von Paola Lenti nimmt in einem 300 Quadratmeter großen Gebäude Gestalt an, das im neuen Ausstellungsraum in der Via Bovio errichtet wurde. Ein beeindruckender Wohnort, dessen große Fenster den Blick auf Innenhöfe und Gärten im Freien sowie wunderschöne Blickachsen freigeben.
Grün in Kombination mit Erdtönen war daher die dominierende Farbe der neuen Interior Designstücke für Küche, Wohn- und Schlafzimmer, Bibliothek und Lounge Bereiche. Ausschlaggebend für die Suche nach diesem Standort war der Wunsch nach einem Garten, um einerseits die jeweils aktuellen Outdoor Kollektionen im Setting der Natur während der Design Week zu präsentieren und andererseits, um eine Verbindung zum Grün als Quelle der Inspiration und des Wohlbefindens zu erhalten. Eine wahre Farbexplosion waren auch in diesem Jahr die Gartenmöbel, darunter neue innovative Fasern und Technologien, ein gewohnt starker Farbmix sowie eine Designkooperation mit dem japanischen Designstudio Nendo.
Wittmann Möbelwerkstätten
Mit dem diesjährigen Standkonzept „House of Wittmann“ schufen Head of Design Alice Wittmann und Creative Council Arthur Arbesser einen Ort, an dem Kunst und Kultur, edles Design sowie Geschichte und zeitgenössische Innovationskraft aufeinandertrafen. In der Gestaltung des Messeauftritts wurden Wiener Akzente durch die wiederkehrende Form des Quadrats von Josef Hoffmann unterstrichen. Besonders beeindruckend empfand ich den offen konzipierten Messestand mit erfrischenden Farben und Pastelltönen, speziell im Kontrast zu dunklen, verschlossenen Messeständen vieler angrenzender italienischer Hersteller in Rho Fiera, dem Messegelände Mailands.
Neben der Neuauflage eines aus den 70iger Jahren stammenden Designentwurfs der Wittmann Möbelwerkstätten zu einem modularen Sofasystem, welches im Nu in ein super komfortables Bett verwandelt werden kann, zeigte die Marke primär Meisterstücke aus der eigenen Manufaktur in Kooperation mit internationalen Designern wie Federica Biasi, Philippe Nigro, Sebastian Herkner oder Jaime Hayon im Upholstery Segment. Überraschend zeitgemäß präsentierten sich zudem das berühmte KUBUS Sofa von Josef Hoffmann in einem wunderschönen Safrangelb sowie das in hellblauem Leder gehaltene CONSTANZE Sofa von Johannes Spalt, beides wahre Designicons aus der Wittmann Heritage Collection.
Armani Casa
Ein stilvoller und sehr harmonischer Dialog zwischen Mode und Design durch einige der Räume seines Palazzo Orsini, dem historischen Hauptsitz von Giorgio Armani, repräsentierte die sehr luxuriöse Inszenierung der aktuellen Armani Casa Kollektion. Zwar war leider im zweiten Jahr der Öffnung seines Haute Couture Reiches während der Mailänder Design Week der Garten der Öffentlichkeit verschlossen, dafür empfand ich die Präsentation in den imposanten Räumlichkeiten umso hochwertiger. Der Rundgang durch die Ausstellung „Echi dal Mondo“ führte die Armani-Fans durch die Länder, welche seine Kollektion inspiriert hatten. Dabei ließen sich Anspielungen auf verschiedene ästhetische und modische Kulturen zwischen den Designs von Armani Casa und einigen Stücken der Giorgio Armani Privé Collection erkennen.
„Ich wäre gerne Regisseur geworden und habe mir im Grunde meinen Traum erfüllt: meine Auffassung von Stil ist umfassend. Sie reicht von den Räumen bis zu den Menschen, die darin leben. Für diese Ausgabe des Salone del Mobile habe ich mir eine filmische Reise in die Länder vorgestellt, die mich schon immer inspiriert haben: Orte und Kulturen, die sehr persönliche Überarbeitungen hervorrufen. Deshalb wollte ich, dass die Möbel mit der Mode in der Via Borgonuovo kommunizieren.“ (Giorgio Armani)
LOEWE
Das eigentlich für trendige Handtaschen bekannte spanische Modelabel LOEWE überraschte an der ehemaligen Location von Christian Dior, in Brera’s Palazzo Citterio, mit einer Ausstellung seiner Lampenkollektion. Gezeigt wurden die Auftragsarbeiten von 24 international renommierten KünstlerInnen, darunter ehemalige FinalistInnen des LOEWE Foundation Craft Prize. Die Inszenierung vereinte unterschiedliche Kreative, welche bereits mit Beleuchtung gearbeitet haben, und solche, die zum ersten Mal damit experimentieren, und zeigte unterschiedliche Perspektiven, Materialien und Kunsthandwerkstechniken, die unerwartete Interaktionen mit Licht schufen. Unübersehbar im Mailänder Stadtbild war darüber hinaus der im LOEWE Design gestaltete Tuk Tuk, ein für müde BesucherInnen beliebter Shuttle Service zwischen dem Palazzo sowie dem Flagship Store der Marke in der Via Montenapoleone.
Hermès
Mit großer Spannung hatte ich bereits im Vorfeld die immer extrem imposante Inszenierung der neuen Hermès Kollektion erwartet. Da diese wohl kaum mehr zu übertreffen war, zeigte sich die französische Maison dieses Mal „back to earth“. So repräsentierte das Thema „Die Topografie des Materials“ das Spiel mit der Zeitlosigkeit aller Hermès Kreationen. Ehe man als Besucher die neuen Home Accessories und Möbelstücke, versteckt hinter einer dunklen Wand, entdecken konnte, folgte man einem Parcours, der von unserer Verankerung in der Erde erzählte, während man entlang einer Komposition aus rohen Materialien vorbei spazierte. Wunderschön platzierte Ziegel, Steine, Schiefer, Holz und Erdziegel ähnelten in Wahrheit dem Muster einer Hermès Jockeyjacke.
Ein starkes Symbol für das kulturelle Erbe des Hauses, inspiriert die Jockeyjacke mit ihren geometrischen und farbenfrohen Mustern doch stets alle Lederwaren und Textilien. Zum ersten Mal kam auch das Sattler- und Feintäschner-Savoir-faire in der Kreation einer Linie von Objekten für den Wohnbereich zum Ausdruck. Plaidkörbe, Eimer und Derby-Tischdekorationen waren vollständig aus Leder gefertigt und spiegelten die luxuriöse Handwerkskunst der Maison wider. In Summe – trotz des Minimalismus in der Präsentation – extrem beeindruckend.
J. & L. Lobmeyr
Einer meiner absoluten Lieblingsmarken – die Manufaktur Lobmeyr – war gleich zweimal in Mailand vertreten: einerseits in einem von Bodo Sperlein gemieteten Convent, andererseits im Zuge des Design Palazzo Austria in Kooperation mit der WKO. Das in Amsterdam ansässige Designerkollektiv BCXSY hatte zur Feier des 200-jährigen Jubiläums des Traditionsunternehmens eine unverwechselbare Leuchtenkollektion entworfen. Gedacht als Hommage an das Archiv der 1823 gegründeten Wiener Glas- und Lustermanufaktur stellt die Kollektion eine eklektische Zusammenstellung kostbarer Kristall- und Lusterteile, ausgewählter Stielgläser und antiker Kristallunikate dar, welche in einer Art minimalistischer Vitrinenbox präsentiert wurden. Jedes handverlesene Kristallstück wurde durch schimmerndes Licht besonders in Szene gesetzt. In einem historischen Palazzo, gleich in der Nähe der Mailänder Scala, präsentierten 30 ausgewählte österreichische DesignerInnen, Unternehmen und Traditionsbetriebe – vom Bregenzerwald übers Salzkammergut bis Wien – ihre neuesten Kreationen zu Möbel, Lampen, Accessoires und Tableware. Darunter die schönen Gläser Lobmeyrs oder feinstes Wiener Porzellan von feinedinge.
Dolce & Gabbana
Das zweite für mich unvergessliche Erlebnis im Laufe der Design Week war der Besuch der Modeausstellung „Dal Cuore alle Mani“ des italienischen Labels Dolce & Gabbana im geschichtsträchtigen Palazzo Reale. Gleich neben dem Mailänder Dom. Eine kaum zu überbietende Hommage an italienische Handwerkskunst in der Haute Couture. Ich durfte schon die eine oder andere Ausstellung zu internationalen Modeschöpfern in Paris sehen, aber diese Ausstellung strotzte nur so vor Kreativität, extremer Detailverliebtheit und imposanter musikalischer Inszenierung. Das Handgemachte sowie die Würdigung der italienischen Schneiderkunst möchten die beiden Designer Domenico Dolce (Sohn eines sizilianischen Schneiders) und Stefano Gabbana unzertrennlich mit ihrer Marke verbunden wissen. Ihre Inspirationen finden beide in der traditionellen Kultur ihrer Heimat, im Ballet, in der Oper, in ihrer Leidenschaft für gutes Essen oder in der Architektur verschiedenster Städte. All’ das übersetzen sie in Mode, Haute Couture und Accessoires.
So fließen in ihren Designs immer wieder die Materialien italienischer Regionen ein, wie etwa im letzten Jahr die Netze, Muscheln, gehäkelten Dekors und kleinen Blumenkränze Apuliens. Die Ausstellung, welche in Form der schönen Kleider und Anzüge die unterschiedlichen Epochen der Dolce & Gabbana Kollektion, aber auch einzelne Regionen des Landes aufzeigt, ist ein offener Liebesbrief der beiden an Italien, untermalen mit sehr viel Fantasie, Magie und Historie. Die Ausstellung ist übrigens noch bis 31. Juli 2024 zu sehen!
