Besuch in der J. & L. Lobmeyr Manufaktur

Lobmeyr

Feinstes, zerbrechliches Glas hat immer schon fasziniert! Mit seiner Transparenz und spürbaren Zerbrechlichkeit, dem einzigartigen Glanz sowie seinem Spiel mit Licht und Reflexion besitzt es Eigenschaften wie sonst nur Diamant und Bergkristall. Kein anderes österreichisches Traditionsunternehmen mit Wiener Wurzeln beherrscht das Handwerk der Glasschleifkunst so präzise wie das Haus Lobmeyr. 1823 von Josef Lobmeyr sen. gegründet blickt es heute auf eine fast 200-jährige Firmengeschichte zurück. So schön ich beispielsweise die Trinkgläser und Gefäße mit dem berühmten Josef Hoffmann Design der Wiener Werkstätte liebe, so sehr faszinieren mich seit jeher die einzigartigen Lusterkreationen dieser Marke. In kaum einer anderen Stadt wie Wien strahlen mir in sämtlichen Palais, Cafés, Hotels, Theater- und Musikhäusern so viele Lobmeyr Luster entgegen. Umso überraschter war ich während der Mailänder Designweek eine absolut moderne Kreation einer Lobmeyr Lampe zu entdecken. Neugierig geworden durfte ich in der Manufaktur einen Blick auf diese Handwerkskunst werfen!

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Es ist schön zu hören, dass wir auch nach fast 200 Jahren immer noch überraschen,“ empfängt mich Johannes Rath freudigst in den ehemaligen Räumlichkeiten der Josef Zahn & Co Kristall- und Lustermanufaktur in der Salesianergasse. Grund seines Ausrufs war meine Verwunderung, dass sich hinter diesem unscheinbaren Gebäude mit kleinem Verkaufssalon für hochwertige Luster DIE berühmte Lobmeyr Manufaktur befände. Nachdem ich am Wochenende gerne im Schlosspark des Belvedere joggen gehe und anschließend oft bis zum Stadtpark hinunterlaufe, war ich schon des öfteren an diesem Gebäude vorbeigekommen. Dachte aber immer der kleine Laden sei ein Antiquitätengeschäft spezialisiert auf alte Luster. Denn ich hatte bis dato nur das J. & L. Lobmeyr Geschäft in der Kärntner Strasse gekannt. Ein wahres funkelndes Paradies aus Glas- und Lusterpreziosen, welches ich gerne Freunden auf Besuch in Wien als einen unserer traditionellsten Schätze präsentiere. Immerhin war das Unternehmen einst K & K Hoflieferant.

Nach einem kurzen Rundgang zur Orientierung durchs Geschäftslokal mit den unterschiedlichsten Lobmeyr Modellen, entführt mich Johannes Rath, einer der drei geschäftsführenden Cousins in sechster Generation, in die eigentlichen Werkstätten der Glas- und Lustermanufaktur. Wie ein Vierkanthof ist das Haus in der Salesianergasse mit der Hausnummer 9 angelegt. Ähnlich „verschachtelt“ befinden sich die einzelnen Werkstatträume in diversen Stockwerken, die wir durch antike Türen, welche auf die lange Firmengeschichte deuten, betreten. Bis hinunter in den Keller, welchen ich liebevoll die „Lobmeyr’schen Katakomben“ nenne, denn sie sind voller Tradition, Inspiration und vor sich hin schlummernden Kunstschätzen vergangener Zeiten, sodass das Kunsthistorische Museum Wiens eine wahre Freude daran hätte! „Seit etwa 10 Jahren arbeite man an der Katalogisierung des Archivs…“ erzählt mir Johannes Rath.

Meine Verwunderung ist groß. Mein Staunen wird von Raum zu Raum größer. Die allererste Werkstatt erinnert mich beim Betreten eher an eine Hufschmiede, denn überall hängen Gestänge, Hufeisen ähnliches Material, Laternen und Werkzeug. Der Vergleich ist durchaus angebracht, arbeiten in der Manufaktur doch Gürtler, Schlosser, Glasschleifer und Graveure. Auch die eingesetzten Maschinen sind Zeitzeugen traditioneller Handwerkskunst und funktionieren weit besser als ihre modernen Nachfolgemodelle. Also werden sie bis auf Weiteres auch nicht ersetzt. Hier fertigt man – wie ich erfahre – die Gestelle des berühmten Lusters im Maria Theresien-Stil, angelehnt an das Zeitalter des Barocks. Das einzige, das „funkelt“ und das wenige Licht, das hereinströmt, fast schon majestätisch reflektiert, sind die vielen mittelgroßen Glasperlen, welche zur Verarbeitung für den ebenso mittlerweile sehr erfolgreichen Metropolitan Luster vorbereitet werden. Ich sehe zu wie sie auf kleinen Metallstäbchen befestigt und anschließend auf Styroporplatten für den nächsten Arbeitsschritt gesteckt werden.

Wir laufen im Regen über den Hof und kommen im ersten Stock in den heiligen Räumlichkeiten des Met Lusters sowie in den Reparaturwerkstätten des Hauses Lobmeyr an. Auch hier staune ich nicht schlecht zu sehen, welche „Juwelen“ auf dunklen, von den vielen Arbeitsstunden der letzten Jahrzehnte gezeichneten Holzarbeitsbänken entstehen. Zwischen Arbeitsstaub und zahlreichen Werkzeugen funkeln feinstes Swarovski Kristall, per Hand kunstvoll geschliffenes Glas, Kugeln, Kupferstangen sowie Draht zum Verketteln der Glaselemente. Laut Johannes Rath nach wie vor die professionellste und optisch sauberste Methode, die einzelnen Dekorelemente für das sogenannte „Kleid“ des Lusters (den Lusterbehang) miteinander zu verbinden. Nur der berühmte Met, benannt nach dem gleichnamigen Opernhaus in New York, wird kunstvoll nach Rezeptur (wie die Fachkräfte es nennen) individuell und einem Blumenbouquet ähnlich „gesteckt“. Dies erfordert sehr viel Gefühl und Gespür für Ästhetik und Design. Ich fühle mich im Haute Couture Atelier der Lustermanufaktur angekommen!

Wie einst der Barockluster dank seines Kristallbehangs die damalige Lichtquelle – die Kerze – zu verstärken und erst so richtig zum Leuchten bringen konnte, sind auch die zeitgenössischen Lobmeyr Luster stets Eyecatcher eines Raumes und bringen die Einrichtung entsprechend zur Geltung. Die Manufaktur setzt dabei aufgrund ihres feineren Glanzes auf per Hand geschliffene Glaselemente. Das Archiv enthält an die 10.000 Gussteile für jeden beliebigen Lusterstil sämtlicher Epochen und ist somit auch für Kunden eine geniale Inspirationsquelle für Spezialanfertigungen.

Da entdecke ich einen Mini-Met, welcher größenmäßig perfekt in ein kleines Puppenhaus passen würde und bin schier entzückt. Eine Erinnerung – wie mir Herr Rath erzählt – an einen ganz besonderen Auftrag seitens Tiffany’s 5th Avenue, welches vor einigen Jahren sein ganzes Weihnachtsfenster damit dekoriert hatte. Das größte Element des kleinen Mets entspricht dem kleinsten Element des Originals und leuchtet mindestens genauso schön. Spontan kommt mir die Idee, daraus überhaupt eine neue Weihnachtsdeko zu entwickeln, denn der Mini-Met wirkt leuchtend wie die Spritzkerzen auf unseren Weihnachtsbäumen. Dabei war der heute so berühmte Metropolitan Luster fast 30 Jahre ein Ladenhüter ehe er rein durch Zufall dank eines Architekten den weltweiten Durchbruch schaffte. Er war ursprünglich von Hans Harald Rath 1966 für die New Yorker Oper entworfen worden und ist für mich eines der schönsten Modelle in der großen Lobmeyr Lustergalerie mit so viel Stil und Eleganz dank seiner asymmetrischen Lichtskulptur.

Das „Schicksal“ des Met Lusters verhält sich ein wenig wie jenes des Unternehmens selbst, wie ich erfahre. Herr Rath meint in Wien weniger gut bekannt zu sein als in New York City. Denn der Prophet zähle im eigenen Lande nicht. Hier überwiegt eher das etwas angestaubte Image, das man allerdings seit Jahren mit internationalen Designer-Kooperationen zu entstauben versuche und viele moderne, zeitgemäße Entwürfe hervorgebracht hat. Die alte Tradition inspiriere die heutigen Designs, das gewachsene Know How ermögliche erst die Innovation. „Manches Mal bleiben die Designerstücke Einzelstücke, manches Mal werden sie vervielfältigt und entwickeln sich zu einem zukünftigen Bestseller.“ Ich habe den Eindruck, es überwiegt hier mehr der Spaß am Handwerk sowie die Freude, etwas Neues zu entwerfen und auszuprobieren als kommerziell zu denken.

Dabei war die Firma Lobmeyr immer schon ein extrem innovatives Unternehmen! So entwickelte es 1883 unter Mitarbeit von Thomas Alva Edison die weltweit allerersten elektrifizierten Kristallluster und belieferte damit den wohl wichtigsten Prestigekunden der damaligen Zeit, die Wiener Hofburg. 1955 folgten die ersten Strassluster wie etwa jener in der Mitte der Wiener Staatsoper. Auch heute noch ist die Glas- & Lustermanufaktur äußerst innovativ. So präsentiert sie regelmäßig während der Vienna Design Week ausgefallene Produktneuheiten rund ums Glas in Kooperation mit internationalen (Interior) Designern und besticht mit neuen Lusterkreationen. Der gerade auf der Salone del Mobile lancierte The Knight Luster ist der beste Zeitzeuge dafür (-> „Impressionen von der Mailänder Designweek!“).

Ich bin erfreut zu hören, dass der Großteil aller internationalen Auftragsarbeiten der Manufaktur Maßanfertigungen von Standardmodellen, sogenannte „customized chandeliers“ sind. Auch Reparaturen für Stamm- und Neukunden, teils auch an Nicht-Lobmeyr Lustern, werden gerne hier in Auftrag gegeben. Wir bleiben beim Werktisch eines Mitarbeiters stehen, welcher für einen Kunden einen ursprünglich elektrifizierten Luster zu Kerzenbestückung zurückführen soll. Nun gilt es die einzelnen Löcher zu kitten, die im Laufe der Jahre matt gewordenen Ornamente und Lusterteile zu polieren und in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Geld spiele hier keine Rolle. Der Kunde setzt auf liebevolle Handarbeit.

Genauso kunstvoll werden die Luster schließlich nach Vollendung der Reparaturarbeiten respektive Neuanfertigung vom Handwerker verpackt. Dabei wird per Hand jedes einzelne Ornament und Lusterteil vorsichtig mit Seidenpapier umwickelt, in dem es um die Ketten und Gehänge vorsichtig gedreht und nicht verklebt wird. Somit kann der Kunde durch Aufdrehen des Seidenpapiers den Luster wieder professionell auspacken und aufhängen, ohne das fragile Glas zu zerbrechen. Mich selbst haben die in Papier gehüllten Luster an mit Leintüchern verpackte Antiquitäten in so manchen Schlössern erinnert, um sie vor Staub zu schützen. Ein sehr beeindruckender Anblick!

Wir setzen unseren Rundgang fort und erreichen schließlich das riesengroße Firmenarchiv. Dort entdecke ich viele kleine Kunstschätze, in Vergessenheit geratene alte Lusterelemente, welche neu interpretiert etliche Inspirationen liefern, sogar eine uralte Schlüsselsammlung, zahlreiche Gussformen und vieles mehr. Leicht verstaubt blinzelt golden auf alten Holzregalen eine messingfarbene Lusterschale hervor, welche ausnahmsweise „auf Vorrat“ produziert wurde. Dies geschehe laut Herrn Rath eigentlich selten, „außer ein Modell läuft ganz besonders erfolgreich an.“

Beim Verlassen der Manufaktur funkeln meine Augen vor Faszination und Begeisterung ob dieses traditionellen Handwerks mit den wahren Lobmeyr Lustern um die Wette! Ich blicke noch ein letztes Mal in den Verkaufsraum und bin wie geblendet von dieser dezenten Festlichkeit und Eleganz, mit welcher mich sowohl der Geschäftsführer als auch seine Luster verabschieden.

J. & L. Lobmeyr Hauptgeschäft: Kärntner Strasse, 1010 Wien

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