100 Jahre Wiener Moderne (No. 2)

Wiener Moderne

Aktualisiert per Juli 2018

Wien feiert in 2018 seine Wiener Moderne sowie ihre damit verbundenen Künstler und Protagonisten und das in vollen Zügen! Mit der Gründung der Wiener Werkstätte wollten damals Josef Hoffmann und Koloman Moser das Fin de Siècle von der Opulenz des französischen Jugendstils befreien und Wien zu einem Zentrum an geschmackvoller Kunst und Kultur erheben. Eine Kultur, welche in der Baukunst vom Bruch mit dem Historismus des späteren Weltstadtarchitekten Otto Wagners sowie in der Malerei von den Ausnahmekünstlern Gustav Klimt und Egon Schiele geprägt war. Als 1918 plötzlich vier ihrer Protagonisten starben, vermuteten viele das Ende dieser Kunst- und Kulturrichtungen. Zahlreiche Museen zeigen mit Ausstellungen wie Post Otto Wagner oder Klimt ist nicht das Ende auf, wie stark die Einflüsse ihrer Gründer bis in die heutige Zeit nachwirken. Mein Best-of an Sonderausstellungen zur Wiener Moderne, welche ihr unbedingt besuchen solltet!

Die gute Nachricht gleich vorweg! Nachdem der Besuch all‘ dieser Must-see Ausstellungen sicherlich mehr als nur einen Tag in Anspruch nehmen wird, gibt es aus meiner Sicht derzeit keine bessere Gelegenheit zum Wohnen als die frisch eröffnete Josef Hoffmann Suite im Hotel Altstadt Vienna. Vielmehr Galerie als Hotel zum Übernachten widmet das Management mit dieser neuen Suite nicht nur seinen Gästen einen entsprechenden Rahmen im Stile der Wiener Moderne, sondern auch eine Hommage an den Begründer der Wiener Werkstätte. Dabei werden die Stilelemente Josef Hoffmanns nur sehr dezent eingesetzt und geschickt mit modernen, zeitgenössischen Möbelunikaten kombiniert. So finden sich in der Suite eine stilistisch passende Couch in Nachahmung des berühmten Hoffmann Fledermausstils, ein alter Sekretär genauso wie von der Wiener Werkstätte beeinflußte Wittman Möbelstücke. Mehr Wiener Lebensgefühl werdet ihr in einem anderen Hotel kaum finden…..

Hotel Altstadt Vienna, Kirchengasse 41, 1070 Wien

Frisch ausgeruht und inspiriert würde ich euch den Besuch folgender Ausstellungen empfehlen:

1.) NEU: Leopold Museum: Gustav Klimt. Jahrhundertkünstler

Keine andere Wiener Ausstellung ist derzeit zu Leben und Werk von Gustav Klimt so allumfassend wie jene vom Leopold Museum, welche noch bis zum 4. November 2018 zu sehen sein wird. In wirklich beeindruckender Art und Weise – von der Kuratierung bis zur Inszenierung der jeweiligen Räumlichkeiten hin – wird chronologisch der Wandel Klimts seiner vom Historismus geprägten Anfangsjahre als 14-Jähriger bis hin zu den Secessionsjahren mit Gründung des Wiener Jugendstils aufgezeigt. Etwa 60 Gemälde, unzählige Zeichnungen sowie private Briefe, Postkarten und Fotografien führen den Besucher der Ausstellung erzählend durch das Werk von Gustav Klimt sowie sein persönliches und kunsthistorisches Umwelt.

Klimts künstlerischer Anspruch bei Gründung der Wiener Secession „Kunst und Leben zu verbinden“ ist auch den Kuratoren dieser Sonderausstellung ausgezeichnet gelungen. Gezeigt werden die unterschiedlichen künstlerischen Phasen Klimts mit Reproduktionen der 1945 leider verbrannten Fakultätsbilder als große Wende bis – im wahrsten Sinne des Wortes – zu seinem Tod. Seine goldene Phase als ornamentaler Prunk, im Gegensatz dazu die Naturbilder entstanden während der Sommerferien am Attersee und seine Frauenakte runden den „Kosmos Gustav Klimt“ ab. Absoluter Höhepunkt der Ausstellung ist die Gegenüberstellung der Bilder „Der Tod und das Leben“ sowie sein letztes, auf der Staffelei als unvollendet zurückgelassenes Bild „Die Braut“ . Später von Klimt selbst als „Der Tod und die Liebe“ bezeichnet zitierte Frau Dr. Elisabeth Leopold so treffend bei Ausstellungseröffnung Klimts Worte „Genießt das prachtvolle Leben und die Liebe. Sie dauern nicht ewig!“ .

Als großer Fan seiner Muse, der damaligen Wiener Haute Couture Designerin Emilie Flöge, war ich besonders vom Raum zu Ehren Emilies mit persönlichen Fotos, Schmuck, Designs und Inszenierung ihres Ateliers angetan. Fast schon berührt. Befindet sich doch ihr damaliger Salon „Die Schwestern Flöge“ in der Casa Piccola nur wenige Gehminuten vom heutigen Leopold Museum entfernt. Nicht minder interessant fand ich aber auch die Rekonstruktion des Klimt Ateliers in der Josefstädter Straße mit seinen Originalmöbeln. Wenn das Belvedere Museum wirbt mit „Never leave Vienna without a kiss“, sage ich: „Never leave Vienna without having seen this Klimt exhibition!“ 

Leopold Museum, MuseumsQuartier, Museumsplatz 1, 1070 Wien

2.) NEU: Leopold Museum: Madame D’Ora

Wien zur Zeit des Fin de Siècle auf der Modeachse Wien – Paris: während die eine die Wiener Aristokratie mit Designentwürfen – inspiriert unter anderem von der berühmten Pariser Haute Couture Designerin Coco Chanel – einkleidete, fotografierte die andere die Hocharistokratie in deren neuesten Kleidern in Wien und später Paris. Während die eine mit von Gustav Klimt persönlich fotografierten Modebildern in Wien für Ihre extravaganten Reformkleider mit indischer Spitze in Wiener Modemagazinen warb, erhielt die andere exklusive Aufträge der damals größten Pariser Modezeitschriften. Unter anderem vom damals ausschließlich von den Haute Couture Häusern direkt statt via Zeitungskiosk vertriebenem Modemagazin L’Officiel, um rasche Kopien der in Paris als „Provinzschneiderinnen“ bezeichneten kleinen Schneiderateliers zu vermeiden. Denn die hohen Preise der Haute Couture mußten mit Imagefotografie gerechtfertigt und ins richtige Rampenlicht gerückt werden.

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Das Leopold Museum widmet derzeit nicht nur Klimts Muse Emilie Flöge einen eigenen Atelierraum als Hommage an ihr großes Designwerk, sondern vom 13. Juli bis 29. Oktober 2018 der damals in Wiener Kreisen berühmtesten Modefotografin Dora Kallmus gleich eine ganze Ausstellung! Unter dem Titel „Machen Sie mich schön, Madame D’Ora!“ werden in drei unterschiedlichen Museumsräumen nicht nur Kallmus‘ bekannte Modefotografien, sondern vor allem ihre einzigartigen Arbeiten für die Presse gezeigt, was 80 Prozent ihrer damaligen kreativen Tätigkeiten ausgemacht haben soll. Gezeigt wird zudem im 3. Raum der etwas schockierende Bruch von ästhetischer Modefotografie zu brutalen Schlachthausszenen und Aufnahmen in damaligen Wiener und Salzburger Flüchtlingslagern. 

Ich selbst vertiefte mich beim Besuch der Ausstellung daher mehr in die ausgestellten Fotografien zur Mode, sei es zu Schauspielerinnen, Aristokratinnen, Künstlern/Innen oder Madame D’Oras Pressearbeit für namhafte Modemagazine. Besonders faszinierend fand ich die Wand zu den Modehüten, die präsentierten Haute Couture Kleider sowie die vielen Bilder zu berühmten Persönlichkeiten. So fanden sich vor Kallmus Kamera viele große Namen ein: Gustav Klimt, Arthur Schnitzler, Pablo Picasso, Coco Chanel, Elsa Schiaparelli, Emilie Flöge oder Maurice Chevalier und Elsie Altmann-Loos, um nur wenige zu nennen. Berühmt und beliebt für ihre Fotografie wurde Madame D’Ora durch die Art wie sie fotografierte. In angenehmer Atmosphäre, oft mit Schallplattenmusik im Hintergrund, bei einem lockeren Plausch und spezieller Lichtführung. Ganz unbemerkt entstanden dabei die Fotografien, welche besonders die Damen der Gesellschaft schöner abbilden sollten als sie sich vor dem eigenen Spiegel empfunden haben. Ihre Aufnahmen bestachen somit durch einmalige Eleganz und Extravaganz!

Leopold Museum, MuseumsQuartier, Museumsplatz 1, 1070 Wien

3.) Unteres Belvedere: Klimt ist nicht das Ende

Mit einem interessanten Ausstellungstitel möchte das Untere Belvedere noch bis zum 26. August 2018 aufzeigen, dass das künstlerische Schaffen vom Zerfall der Donaumonarchie sowie dem Ableben vier der wichtigsten Protagonisten der Wiener Moderne „relativ“ unberührt blieb. Schon während der politischen Umbrüche hatte sich das Kunstgeschehen in den Kronländern von den Einflüssen eines Klimt, Schiele, Wagner oder Moser gelöst und sich dank einer großen europäischen Künstlerkompagnie sowie ihrem aktiven Netzwerk schließlich in der Zwischenkriegszeit konstant weiterentwickelt. Diese Epoche war sehr stark vom Expressionismus geprägt und wurde erst durch Ausbruch des Zweiten Weltkrieges jäh beendet.

Ich selbst würde euch unbedingt eine persönliche Führung empfehlen. Man erfährt in dieser Ausstellung soviel über die damaligen Stimmungen in Politik, Kunst und Gesellschaft, sodass man erst dank dieser Informationen die Werke jener Künstler versteht, welche teils selbst an der Front gewesen und die dramatischen Ereignisse dieser Zeit mit ihrer Kunst dokumentiert haben. Denn blauäugig war das Kaiserreich damals – angeblich sogar mit Freude – in den Krieg gezogen nicht erkennend, dass vier Jahre absoluter Enthumanisierung folgen würden. Dennoch war die Monarchie ein wichtiger Impulsgeber für viele Kunstrichtungen, welche sich vor 1914 in der Dichotomie zwischen Historismus und Moderne widerspiegelte. In dieser Zeit lebt ein Gustav Klimt in seiner eigenen künstlerischen „Blase“, erhält Aufträge von der Wiener Bourgoisie, scheut keine Tabubrüche und verbringt trotz Weltkrieges seine Sommerurlaube nach wie vor am Attersee. Durch seinen plötzlichen Tod bleiben viele seiner Werke unvollendet. Sehr bezeichnend für das Fin de Siècle.

Die Ausstellung zeigt mit zahlreichen weiteren Künstlern wie Kokoschka, Kupka, Schiele, Klien, Moser und vielen anderen einen umfassenden Querschnitt zu Kontinuität und Wandel der damaligen Kunst Zentraleuropas.

Unteres Belvedere, Rennweg 6a, 1030 Wien

4.) Klimt Villa: Klimt lost

Während das Untere Belvedere die Auswirkungen auf die Kunst Europas nach Ableben Gustav Klimts aufzeigt, dokumentiert die Klimt Villa in einer Sonderausstellung bis 31. Dezember 2018 alles, was an Werken, Zeichnungen, etc. in den Kriegsjahren verloren gegangen ist oder gar verbrannt wurde. So sehr heute Klimt weltweit nach wie vor allgegenwärtig ist, vergessen wir oft, wieviel durch Raubkunst, zurückgegebene oder verschwundene Kunst abhanden gekommen ist. Damit verbunden unzählige Geschichten von Sammlern, Kunstmäzenen und Kriegsopfern, ihre Beziehungen zum Künstler respektive untereinander.

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Diese Ausstellung stellt im Themenjahr daher berechtigt die Frage nach dem Umgang mit diesem Verlust, der leider weit über einzelne Kunstwerke hinausgeht. In für mich sehr schöner, moderner Art und Weise dank eigens angefertigter Vitrinen und Schaukästen werden „die verlorenen Klimts“ inklusive einiger Protagonisten der damaligen Zeit dargestellt. Denn an jedes Gemälde von Gustav Klimt knüpft sich eine ganz persönliche Geschichte. Zudem ist auch die Villa selbst, Klimts letztes Atelier vor seinem Tod mit dem wunderschönen (Rosen)Garten, stets einen Besuch wert! 

Klimt Villa, Feldmühlgasse 11, 1130 Wien

5.) MAK: Von der Postsparkasse zur Postmoderne

Eine weitere sehenswerte Sonderausstellung zur Wiener Moderne findet aus meiner Sicht derzeit im MAK am Ring statt! Denn für alle Architekturfreunde und Otto Wagner Fans zeigt das Museum für angewandte Kunst bis 30. Sept 2018 Wagners Einfluss auf die spätere Stadtplanung Wiens, eine um 1900 rasch wachsende Großstadt. Seine Konzepte zur städtebaulichen Veränderung verhalfen ihm schließlich zu Weltruhm. Die Ausstellung Post Otto Wagner – Von der Postsparkasse zur Postmoderne würdigt neben Otto Wagner als „Vater der Moderne“ aber auch viele seiner Zeitgenossen, Schüler und Protagonisten nach ihm mit ausgewählten Möbelstücken, Skizzen, Architekturmodellen und vielem mehr. 

Im Fokus der Dokumentation stehen zahlreiche Baupläne, Modelle und Zeichnungen zu Otto Wagners Stadtbahn, der Donaukanalregulierung, der K&K Postsparkasse, der Kirche am Steinhof sowie zu etlichen Wohn- und Geschäftshäusern. Die damalige Großstadt Wien wird in drei Themenbereichen dargestellt, in denen sich Wagners nachhaltige Wirkung auf die Architektur der Moderne bis hin zur Postmoderne und Gegenwart anschaulich nachvollziehen läßt. Besonders beeindruckt haben mich allerdings die präsentierten Möbelstücke aus der Zeit der Wiener Werkstätte sowie die Kuratierung dieser Ausstellung selbst – wirklich absolut gelungen!

Mein persönlicher Tipp: mit eurem MAK-Ticket erhaltet ihr zusätzlich ermäßigten Eintritt zur derzeit ebenfalls stattfindenden Ausstellung Otto Wagner im Wien Museum am Karlsplatz. Diese Ausstellung ist noch bis zum 7. Oktober 2018 zu besichtigen und in Kombination mit dem MAK sicherlich eine perfekte Ergänzung!

MAK, Stubenring 5, 1010 Wien

6.) Wiener Moderne Shopping-Tipps

Habt ihr übrigens schon all‘ meine anderen Ausstellungsempfehlungen zu 100 Jahre Wiener Moderne (No.1) gesehen? Viele der Sonderausstellungen laufen noch bis in den Herbst hinein und das Theaterstück zu Emilie Flöge wird aufgrund des großen Erfolges sogar weitergeführt. Die neuen Termine erfährt ihr direkt auf der Belvedere Website! Sollet ihr bei so vielen Museumsbesuchen so richtig in Stimmung auf die Wiener Werkstätte respektive Wien Produkten „made in Vienna“ gekommen sein, dann hätte ich gleich drei neue Shopping-Tipps für euch.

Falls ihr oder eure Freunde beim nächsten Wienbesuch nach exquisiten und gehobenen Souvenirs als Erinnerung sucht, würde ich euch zum einen den neuen Imperial Shop Vienna in der Hofburg empfehlen. Hier findet ihr eine große Auswahl an Produkten österreichischer Traditionsunternehmen und kleiner Manufakturen. Sowie eine Selektion netter Mitbringsel mit Wiener Charme und höchster Qualität. Darunter auch ausgewählte Wien Products wie Augarten Porzellan, Lobmeyr Gläser, Mühlbauer (Stroh)Hüte oder Backhausen Accessoires. Viele davon angelehnt an die Wiener Werkstätte und passend zum Jubiläumsjahr 2018 der Wiener Moderne.

Zum anderen erstrahlt seit Mitte Juni der Shop der Wiener Werkstätte auf der Kärntner Strasse in neuem Glanz. Komplett renoviert lädt er ein, ebenfalls exklusive Produkte von J. & L. Lobmeyr, der Mühlbauer Hutmanufaktur oder aus der Werkstätte Chlada zu entdecken. Eine ganz besondere Kollektion als Hommage an Gustav Klimt, Otto Wagner und Koloman Moser ließen sich die Juweliere des Wiener Dorotheums für 2018 einfallen. Basierend auf den charakteristischen Merkmalen des Wiener Jugendstils wie goldener Glanz, florales Dekor und geschwungene Formen haben die Designer mit Wiener Moderne Forever eine exklusive Schmucklinie für das Jubiläumsjahr lanciert. Goldverzierte Klimt-Mosaike, Moser-Skizzen und die klare Formensprache von Otto Wagner waren die Triebfedern für schwungvolle Linien und ornamentale Elemente. Jedes Schmuckstück wurde in liebevoller und aufwendiger Handarbeit hergestellt und erinnert an Wiens sinnlichste Epoche!

In diesem Sinn wünsche ich euch viel Spaß in unseren Museen und beim Shopping! And don’t forget: „Never leave Vienna without a kiss!“

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