„Artificial Fashion“ – digital versus analog?

Artificial Fashion

Selten hat es so einen Hype rund um einen neuen technologischen Trend wie der Digitalisierung 4.0 gegeben! Medien sind tagtäglich voll davon, das Angebot an diesbezüglichen Veranstaltungen, Key Notes und Konferenzen enorm. Schlagwörter wie Artificial Intelligence, Robotics, der gläserne Konsument, Big Data, Internet of Things, autonome Mobilität oder Chatpots machen uns eher Angst als die Chancen für das menschliche Leben in einer digitalen Welt aufzuzeigen. Ich gebe zu, so manche Entwicklungen empfinge auch ich eher als „scary“. Daher habe ich mich bewußt dem Thema digital versus analog gestellt, interessante Ausstellungen zur digitalen Zukunft im MAK und in Linz besucht und sogar den analogsten (!) Store von ganz Wien entdeckt. Dabei stieß ich auf spannende Entdeckungen zum Thema digitale Mode der Zukunft!

So sehr der technologische Fortschritt und die Innovationen in der Kommunikation auch Vorteile in unser tägliches Leben gebracht haben (wer würde freiwillig sein Smartphone, Mac Book, ….. wieder hergeben?), so sehr kann ich mich dennoch nicht von den analogen Annehmlichkeiten unseres Lebens trennen. Ich nehme an, vielen ergeht es ebenso. Wer genau beobachtet, spürt schon den ersten Gegentrend und Analoges wird plötzlich wieder in! Sei es die ersten Sofortbildkameras, neue Hochglanzmagazine – obwohl Print längst tot gesagt – und vieles mehr. 

Spider Dress 2.0.-3
Copyright © VDM / Mark Niedermann

„Hello, Robot“ im Wiener MAK

Im MAK, dem Wiener Museum für Angewandte Kunst, findet noch bis Anfang Oktober anläßlich der Vienna Biennale 2017 die Ausstellung „Hello, Robot“ zum Design zwischen Mensch und Maschine statt. Während in etlichen Bereichen unseres Lebens sowie in den Industriehallen der Roboter längst erfolgreich Einzug genommen hat, haben wir in unserem Alltag oft noch Probleme, unsere Lebensgewohnheiten über das Internet der Dinge sowie Roboter dirigieren zu lassen. Daher fand ich den Ansatz der Kuratoren zur MAK-Ausstellung sehr interessant, das Design als das „verbindende“ und versöhnende Element zwischen Mensch und Maschine zu stellen.

Zu entdecken gibt es vieles und die Ausstellung ist aus meiner Sicht absolut sehenswert! Auch wenn ich mir nur schwer vorstellen kann, dass Roboter eines Tages dieselben Gefühle wie Menschen empfinden können. Besonders fasziniert hatte mich allerdings ein elektronisches Kleid der jungen Designerin Anouk Wipprecht aus den Niederlanden, das Spider Dress 2.0. Es ist neben 36 weiteren Kleidern, welche Anouk mittlerweile entworfen und welche weltweit in diversen Showrooms und Ausstellungen zu sehen sind, ein Vorbote dessen, wie Mode in einer digitalen Zukunft aussehen könnte. Zwar sind gewisse Materialien und Stoffe, wie etwa Leder, weiterhin Bestandteil solcher „Robot Couture“-Kleider, primär bestehen sie aber aus elektronischen Textilien mit zahlreichen Sensoren und sind daher besonders interaktiv.

„Artificial Intelligence“ beim AEF Linz

Beim Ars Electronica Festival hatte ich schließlich das Glück die Fashion-Tech Designerin persönlich zu treffen und über ihre futuristische Mode zu plaudern. Aus ihrer Sicht sollte die Technologie nicht zum Stressfaktor des Menschen werden, sondern ihn in der Tat unterstützen und das Leben erleichtern. Daher auch ihr Ansatz zum Spider Dress: die interaktiven Arme können sich so flexibel rund um die Trägerin des Kleides bewegen, sodass das Näherkommen eines anderen Menschen rechtzeitig identifiziert wird. In Anouks Augen lassen wir andere oft viel zu nahe an uns heran, ohne den eigentlichen „personal space“ respektiert zu wissen. Zusätzlich könne das Technokleid auch kommunizieren und in Interaktion mit anderen Kleidern und deren Trägerinnen treten. Dies solle aber nicht erschreckend, sondern eher spielerisch verstanden werden!

Das Kleid, derzeit nur in Weiß erhältlich (ein „kleines Schwarzes“ sei gerade im Entstehen), sieht zwar super chic aus, dennoch empfinde ich die Vorstellung, solch ein Kleid irgendwann selbst zu tragen noch weit in die Ferne gerückt. Dabei ist für die Designerin dieses Kleid die eigentliche Interpretation von Haute Couture. Schon damals wurden die Roben für die Damenwelt maßgefertigt und dem Körper perfekt angepaßt. Tatsächlich könnte es mit einer größeren Vermarktung noch etwas dauern. Derzeit gibt es weder entsprechende Waschmaschinen, um diese Kleider zu reinigen, noch die Möglichkeit, sollte mal ein Teil kaputt gehen, es persönlich reparieren zu können. Im Moment könnten Sensoren, Elektroden und das Leder nur rein äußerlich gesäubert werden. Offen ist zudem weiters die Frage nach der kontinuierlichen Energiezufuhr. 

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Das Ars Electronica Festival – heuer mit dem Schwerpunkt „Artificial Intelligence“ widmet sich auf einer internationalen Ebene sämtlichen Neuentwicklungen in diesem Bereich, über die ich allerdings an dieser Stelle nicht berichten möchte. Es wäre viel zu umfangreich. Interessant waren jedoch einige weitere Ausstellungsstücke zum Thema Mode aus Japan in Bezug auf „Fashionable Wearables„. Junge Designer stellten sich die Frage, wie Bekleidungstrends der Zukunft als Kombination aus Modedesign und Wearable-Technologien aussehen könnten. Schon heute gibt es Streetwear besonders im Skateboardbereich, welche Menschen im urbanen Raum mittels standortbezogenen Augmented-Reality-Spielen neue Erfahrungen im Stadtraum ermöglicht. Die Forschergruppe stellte sich weiters Fragen wie:

  • „Was wäre, wenn es eine maßgeschneiderte Mode gäbe, welche sich den wandelnden Bedürfnissen älterer Personen anpassen würde?“ oder 
  • „Was wäre, wenn die Mode – ähnlich dem früheren Korsett oder Reifrock – mit dem Potenzial der Selbstveränderung unsere Körperform beeinflussen und damit den Schönheitsbegriff manipulieren könnte?“

Anouk erzählte mir weiters von „Sound Shirts“ für Gehörlose, welche von den Jungen Symphonikern Hamburgs extra für ihren Konzertsaal entwickelt wurden. Diese Shirts übersetzen Töne in feinste Vibrationen und ermöglichen es damit erstmals auch Gehörlosen, klassische Musik erleben zu lassen. Mikrofone auf der Bühne fangen den Ton der unterschiedlichen Instrumente ein, welche von einer speziellen Software  in Daten umgewandelt werden und drahtlos an das Sound Shirt gesendet werden. Darin eingenäht sind 16 vibrierende Feinmotoren und Leuchtdioden, die passend zur Intensität der Musik reagieren. Ein symphonisches Konzert wird somit auch für Gehörlose zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Hatten mich so manche technologischen Entwicklungen in der Vergangenheit eher beunruhigt, so sehr begeisterten mich die Erzählungen von Designerin Anouk. Immerhin hat sie zu Wien eine ganz besondere Verbindung. Nach ihrem Mode- und Designstudium lebte sie eineinhalb Jahre lang in Wien und wählte schließlich in 2010 für ihre erste Ausstellung Wien und das Quartier 21 anstelle von Mailand, Paris oder London. Zudem arbeitet sie als „Innovator-in-Residence“ mit dem Unternehmen Swarovski an neuen Technologien für die Modebranche. So zeigte sie mir einen Brosche-großen Kristall zum Aufklappen, welcher innen voller Elektroden und Sensoren war und als Wearable wie eine Kette um den Hals bei Shows den Herzschlag der Models auf dem Laufsteg zeigt. 

Visuelle Impressionen Ars Electronica Festival

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Würde man in Wien dem analogsten Store, den ihr euch vorstellen könnt, dem Supersense im zweiten Bezirk, in einem Spider Dress einen Besuch abstatten, wären die Besitzer wohl eher schockiert 😉 . Hier findet man noch eine Original-Druckereimaschine mit Buchstaben zum Setzen, eine überdimensionale Polaroid Sofortbildkamera (eine der letzten 7 auf der ganzen Welt!) für A3 Sofortbilder sowie eine Tonmischanlage mit Hilfe derer Live-Konzerte auf Vinyl-Schallplatten aufgenommen und als Present erworben werden können. Aber über diesen wahrlich beeindruckenden Store erzähle ich euch in Teil 2 meines Blogposts zur Frage „Digital versus analog?“ – coming soon!

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2 Kommentare zu „„Artificial Fashion“ – digital versus analog?

    1. Liebe Tabea,

      in der Tat, so manches ist „scary“, was man dieser Tage beim Ars Electronica Festival an technologischem Fortschritt sehen konnte. Kann mir auch noch nicht vorstellen, eines Tages ein techno-sensual Kleid zu tragen…. wer weiß, welche Designs und Features künftig Handtaschen haben werden? 😉

      Beste Grüße nach Hamburg, Birgit

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