200 Jahre Thonet & das Wiener Kaffeehaus

Es dreht sich endlich wieder einmal alles um Wiener Handwerk! Während ich euch das letzte Mal hinter die Kulissen der berühmten Lobmeyr Lustermanufaktur blicken ließ, entführe ich euch dieses Mal in eine neu kuratierte Sammlung anlässlich eines großen Firmenjubiläums. Denn das Unternehmen Thonet mit der gleichnamigen Wiener Firma Gebrüder Thonet feiert in 2019 sein 200-jähriges Bestehen. Dies nicht nur seit Jahresbeginn auf diversen internationalen Designmessen mit dem sogenannten „Café Thonet“ zu Ehren des berühmten Wiener Kaffeehausstuhls, sondern gleich mit zwei großen Events in München und Wien. Darunter einer einzigartigen Ausstellung im Wiener MAK mit Ende des Jahres! Ich selbst kam anlässlich der Mailänder Möbelmesse Salone del Mobile erstmals mit den heutigen Akteuren rund um Thonet beim Pop-up Showroom in Kontakt und hörte gespannt der langen Firmengeschichte zu. Denn ich wußte tatsächlich nicht, dass das Unternehmen ursprünglich in Deutschland gegründet worden war. Ich kannte es nur unter dem Wiener Namen Gebrüder Thonet.

Thonet
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200 Jahre Thonet Firmengeschichte

Die Firma Thonet begründete die moderne Möbel(serien)produktion und schuf Stühle, die bis heute nicht aus der Mode gekommen sind. Bewußt oder unbewußt kennen wir alle diese Möbelstücke, denn sie gehören damals wie heute zu unserem alltäglichen Leben. Thonet Designmöbel sind überall dort zu finden, wo sich Menschen treffen, unterhalten oder arbeiten: zu Hause, in Büros und ganz besonders in Cafés. Während es im Kaffeehaus oft Klassiker mit Geschichte und Patina sind, entdecken wir sie in Büroräumen meist als zeitlose Designikonen mit Sammlerwert.

Die Geschichte des Unternehmens Thonet begann vor 200 Jahren mit dem Werk des Kunst- und Bautischlers Michael Thonet, welcher 1819 seine erste Werkstatt in Boppard am Rhein eröffnete. Mit zierlichen und eleganten Stühlen sowie der Erprobung und Anwendung neuartiger Techniken der Holzverarbeitung erlangte Michael Thonet sehr rasch mehr als nur regionale Bekanntheit. Der österreichische Staatskanzler Clemens Graf von Metternich soll es schließlich gewesen sein, welcher auf diese Designerstücke aufmerksam wurde und ihn schließlich überzeugte, nach Wien zu ziehen und an der Innenausstattung des Palais Liechtenstein mitzuwirken.

1849 gründete Michael Thonet in Wien eine eigene Werkstatt, verlegte aber schon bald die Produktion nach Mähren, wo es ausreichend Holz und billigere Arbeitskräfte gab. Die in Wien im 19. Jahrhundert ausgeprägte Kaffeehauskultur sowie erste Aufträge, eigene Stühle für die Kaffeehäuser zu entwerfen, verdankte das Unternehmen schließlich seinen Weltruhm und internationalen Durchbruch. Einer der ersten Aufträge des noch jungen Unternehmens war die Möblierung des Café Daum am Kohlmarkt.

Während es ursprünglich der Stuhl Nr. 4 war, welcher Thonet-Möbel von 1850 an in der ganzen Stadt bekannt machte, gelang erst mit dem Stuhl Nr. 14 – dem sogenannten Wiener Kaffeehausstuhl – der ganz große internationale Erfolg. Vier schlanke Beine, von denen die hinteren zur elegant geschwungenen Rückenlehne übergingen, eine kleine runde Sitzfläche, kein Polster, pure Eleganz. Das neue arbeitsteilige Herstellungsverfahren ermöglichte zudem erstmals eine industrielle Serienfertigung, denn der Stuhl ließ sich in sechs Einzelteile zerlegen und somit in alle Welt verschicken. Bis 1910 wurde er mehr als 50 Millionen Mal verkauft und zu einem der erfolgreichsten Möbeldesigns der Geschichte.

Um 1890 waren Thonets Bugholzstühle in der Wiener Gastronomie bereits weit verbreitet. Im Café Griensteidl traf sich die literarische Moderne wegen der großen Auswahl an Zeitungen auf Thonet-Nr. 4-Stühlen sitzend. Selbst Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler sollen dort regelmäßig angetroffen worden ein. Etwa zeitgleich bildete Henri de Toulouse-Lautrec in seinem Gemälde „Im Moulin Rouge“ aus dem Jahr 1892 elegante Damen und Herren auf diesen charakteristischen Bugholzstühlen ab. Henri Matisse inszenierte 1918/19 den Thonet-Stuhl Nr. 20 in seinem „Intérieur au violon“, welches er in Nizza im Hotel de la Méditerranée malte. Aber auch zahlreiche weitere Stühle von Thonet wurden zu Ikonen der Designgeschichte: Adolf Loos und Otto Wagner entwarfen ebenso Modelle für Thonet wie Josef Frank.

Um dieselbe Zeit, siebzig Jahre nach der Entwicklung des Stuhls Nr. 14 (heute Nr. 214), schuf Marcel Breuer seine ersten Einrichtungsgegenstände aus Stahlrohr. Nach der Übernahme der von Breuer mitgegründeten Firma fertigte Thonet ab 1930 Breuers Entwürfe und es entstanden schließlich die heutigen Stahlrohr-Klassiker S 32 und S 64. Sie sind wichtige Bindeglieder zwischen der traditionellen Bugholztechnik und modernem Stahlrohrbiegen. Ihr Wiener Geflecht erinnert an überliefertes Handwerk, ihre raumprägende Gestalt mit der Funktion des Freischwingers war schon zu dieser Zeit extrem zukunftsorientiert und innovativ.

In den 1930er Jahren war das Unternehmen der weltweit größte Produzent der damals neuartigen Möbel, die von bekannten Architekten der Avantgarde wie Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Charlotte Pérriand entworfen wurden. Gefertigt wurden die Stahlrohrmöbel mit damals völlig neuer Produktionstechnik im Werk Frankenberg/Eder, seit Ende des Zweiten Weltkriegs der Stammsitz des Unternehmens. Heute sind die frühen Stahlrohrmöbel bekannte Meilensteine der Designgeschichte.

Aktuelle Sonderschau „Thonet & Design“ in München

Bereits seit 17. Mai 2019 zeigt die Pinakothek der Moderne im Zuge ihrer Dauerausstellung ihre neu kuratierte Sammlung zu „Thonet & Design“. Beauftragt wurde anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums der Münchner Industriedesigner Steffen Kehrle aus den rund 400 Thonet Stühlen, welche im Besitz der Neuen Sammlung sind, eine temporäre Neuinszenierung zu realisieren. Als Besitzerin einer der weltweit größten und bedeutendsten Sammlungen von Thonet Designobjekten repräsentiert die Pinakothek ein wichtiges Kapitel der europäischen Unternehmensgeschichte. Eingebettet in eine allgemeine, wirklich sehr interessante Designausstellung zeigt das Museum die ästhetischen Pionierleistungen der Firma Thonet in Bezug auf die weltberühmten Bugholz- und Stahlrohrmöbel. Im Fokus stehen ganz besonders die Entwürfe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Designs und umfasst in etwa 70 Objekte.

Wer also auf Thonet Stühle „steht“, sollte unbedingt einen Ausflug nach München planen. Die sehr schöne und ästhetische Inszenierung (Ausstellung wäre übertrieben) ist noch bis 2. Februar 2020 zu sehen und zeigt den ästhetischen Qualitätsanspruch der Firma Thonet an seine Designs. Optisch nach Farben und Eleganz selektiv von Kehrle ausgewählt stehen die Designerstühle wie in einem antiken Amphitheater auf den Stufen als ob sie – Besuchern gleich – auf den Beginn eines Theaterstücks warten würden. Oder auf eine spektakuläre Jubiläumsfeier!

Von unten gesehen – also von der imaginären Bühne aus – wirkt die Inszenierung als ob die Hauptdarsteller auf den Besucherreihen im Halbrund Platz genommen hätten, um sich selbst zu bejubeln. Eine sehr witzige Idee der Inszenierung. Als Besucher der Sonderschau spaziert man von oben nach unten respektive durch die einzelnen Sitzreihen des Amphitheaters und erkennt so manch‘ Designerstück wieder. Eine tiefergreifende inhaltliche Auseinandersetzung mit den technischen Pionierleistungen des Unternehmens gibt es keine.

Besonders schön zu sehen sind allerdings die wahren Erfolgsstücke rund um den berühmten Wiener Kaffeehausstuhl, welcher übrigens in diesem Jahr sein 160-jähriges Bestehen feiert und zum berühmtesten Wiener Designmöbel aller Zeiten avancierte! Michael Thonet verwirklichte zur damaligen Zeit das zukunftsweisende Prinzip: Form als Ergebnis industrieller Fertigungsmethoden. Die grandiose Leistung bestand in einem Verfahren, zunächst Funierpakete, später massive Buchenholzstäbe unter Dampfeinwirklung und Druck in geschwungene Formen zu biegen. Es waren zudem die allerersten Möbelstücke, welche der Käufer selbst zu Hause aufbauen konnte. Dazu kam, dass Thonet die Teile verschraubte, statt sie miteinander zu verleimen. In ihre Einzelteile zerlegt und platzsparend mit den notwendigen Schrauben verpackt konnten sie kostensparend in alle Welt verschickt werden. Der Beginn der „do-it-yourself “ Ära!

Deutlich wird in der inszenierten Sammlung aber auch das gute Gespür für den Zeitgeist der Familie Thonet. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wurden mehr als 1400 verschiedene Modelle auf dem Designermarkt lanciert. Als Bugholz schließlich aus der Mode kam, wandte man sich dem gebogenen Stahlrohr zu und konnte berühmte Designer für die Entwürfe gewinnen. Eine Tradition, die bis heute erfolgreich.anhält!

Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40, 80333 München

Preview Thonet Ausstellung „Bugholz, vielschichtig“ in Wien

Während München derzeit einen sehr ästhetischen Zugang zu 200 Jahren Thonet Möbeldesign zeigt, möchte sich das Wiener MAK (Museum für angewandte Kunst) mit über 200 Ausstellungsobjekten den materialtechnologischenformästhetischen und sozialhistorischen Entwicklungen widmen. Das damals schon sehr innovative Unternehmen Thonet war stets bestrebt, Designprozese sowie Arbeitsabläufe in der Möbelproduktion sowie im anschließenden Versand zu optimieren. Selbst die Luxusdesigns von Michael Thonet für das Palais Liechtenstein wurden innerhalb von 10 Jahren bereits in Serienproduktion gefertigt.

Während laut Auskunft von MAK Kurator Sebastian Hackenschmidt in allen bisherigen Ausstellungen Thonet immer nur mit Thonet Möbeln verglichen wurde, „ist die Jubiläumsausstellung im MAK die erste, die ernsthaft versucht, die 200 Jahre Firmengeschichte in den Kontext der Moderne zu stellen. Die Anfänge Thonets fallen sogar noch ins Biedermeierliche zurück. Zu sehen sein werden die moderne Entwicklung von 1890 bis heute, von Klassikmodellen über Kunst bis hin zu Designerkooperationen.“ Verrät mir der Kurator in einem Telefoninterview. Zudem werden Thonet Designs ganz bewußt auch im Vergleich anderer großer Namen gezeigt. Mehr sei aber nicht verraten! Ich jedenfalls freue mich schon riesig auf diese Ausstellung, welche im MAK von 18. Dezember 2019 bis 13. April 2020 unter dem Titel „Bugholz, vielschichtig – Thonet und das moderne Möbeldesign“ zu sehen sein wird! Und vielleicht haben wir ja Glück und Sebastian Hackenschmidt führt uns persönlich durch seine kuratierte Thonet Ausstellung!? Das sollten wir fast planen!

MAK, Stubenring 5, 1010 Wien

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